Statt Schutz vor Überlastung nun NoCovid?

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Stand: 21. Februar, 2021

Gesundheitsämter im Fokus

Insider aus den Gesundheitsämtern berichten über entspannte Arbeitstage. Gleichzeitig mehren sich Stimmen jener Gesundheitsämter, die bestätigen, eine weit höhere Inzidenz als 50 bewältigen zu können. Wir haben hier darüber berichtet.

Bernhard Bornhofen, Hygiene- und Umweltmediziner, erinnert in einem Interview der Welt daran, dass das Offenbacher Gesundheitsamt im November 2020 selbst bei einer Inzidenz von 388 die Nachverfolgung bewältigen konnte [1]https://www.welt.de/politik/deutschland/plus226247855/Gesundheitsamt-Leiter-Kontrolle-ueber-die-Faelle-hatten-wir-auch-bei-einer-Inzidenz-von-388.html. Diese Erkenntnis lässt sich sogar verallgemeinern. Das geht aus den Lageberichten des Bundesgesundheitsministeriums hervor. Sie zeigen, dass auch zu Hochzeiten der sogenannten zweiten Welle nur in wenigen Landkreisen eine Überlastung stattgefunden hat[2]https://www.tagesspiegel.de/politik/willkuer-bei-der-inzidenz-fast-alle-gesundheitsaemter-koennen-mit-werten-ueber-50-arbeiten/26923572.html.

Strategiewechsel

Die Inzidenzzahlen sinken, die Nachverfolgbarkeit scheint weitgehend sichergestellt. Das legt eine baldige Beendigung der Maßnahmen nahe. Doch nun wird der Maßstab selbst abermals ausgewechselt. Jens Spahn spricht inzwischen davon, mehrere Parameter im Zusammenhang zu betrachten.

Ein Strategiewechsel wird ersichtlich, wenn der Gesundheitsminister nun auch den R-Wert wieder hervorholt. Die Beurteilung der Lage verschiebt sich hin zu einer epidemiologischen Betrachtung. Zuvor lag der Fokus durch die Inzidenz auf einer verwaltungstechnischen Größe: Es galt, die Nachverfolgbarkeit durch die Gesundheitsämter sicherzustellen. Nun sollen Infektionen gänzlich vermieden werden. In diese Richtung geht auch die Ziel-Inzidenz von 10, die Lothar Wieler neulich auf der Bundespressekonferenz in den Raum warf. “Das ist zum einen nicht realistisch und macht zum anderen verfassungsrechtlich einen erheblichen Unterschied”, sagte kürzlich Anwältin Jessica Hamed zu diesem Strategiewechsel in der Berliner Zeitung[3]https://www.berliner-zeitung.de/politik-gesellschaft/anwaeltin-es-ist-unglaublich-was-wir-da-erleben-li.141093.

Bäumchen wechsle dich

Die wechselnden Grundlagen der Maßnahmen lassen sich schwerlich mit einer Änderung der Erkenntnislage erklären. Die Reise von “Flatten the curve” über Verdopplungszeit zum R-Wert bis hin zum Inzidenzwert ist nur ein Teil dieser Entwicklung. Denn wurde zunächst der Schutz des Gesundheitssystems betont, ging es anschließend um die Nachverfolgbarkeit der Kontakte, um jetzt bei der einzelnen Infektion anzukommen. Es handelt sich um Verschiebungen von Prioritäten sowie das Wechseln von Pandemiebewältigungsstrategien, die der Bevölkerung zunehmend schwerer zu vermitteln sein dürften.

Das Gesundheitssystem war national betrachtet nie überlastet, die Gesundheitsämter in der Fläche ebenso wenig. Die Verhältnismäßigkeit des Versuchs, die Infektionen gänzlich zu verhindern, erscheint angesichts der dramatischen Folgen der Maßnahmen (siehe Lockdowns belasten die Psyche – Spahn bemüht sich um Digitalisierung) äußerst fragwürdig.

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