Lockdowns belasten die Psyche – Spahn bemüht sich um Digitalisierung

Lesedauer 4 Minuten

Stand: 16. Februar, 2021

  • Immer mehr Menschen leiden unter den Maßnahmen
  • Klinik muss akute Fälle abweisen
  • Wartezeiten für Psychotherapien zwischen 6 Monaten und zwei Jahren
  • Bundesregierung kümmert sich lieber um Digitalisierung

Ein halbes Jahr auf Hilfe warten

Depressionen, Essstörungen, Vereinsamung: Die Corona-Maßnahmen führen zu seelischen Belastungen. Die Hinweise darauf, dass Kinder besonders leiden, mehren sich. Obwohl die Hilfe von Psychotherapeuten oft dringend benötigt wird, beträgt die Wartezeit für einen Psychotherapieplatz mindestens 6 Monate, oft länger. Das liegt nicht an einem Therapeutenmangel, wie mir eine Psychologin aus Bonn im Gespräch verriet. Stattdessen handelt es sich um Politikversagen, wie so oft bei dieser Pandemie.

Familien in der Krise

Die Menschen leiden vermehrt unter Angst. Die Zahl der Schulverweigerer steigt seit dem ersten Lockdown. Manche Kinder haben aufgehört, zu sprechen[1]https://www.welt.de/vermischtes/plus225994799/Kinder-im-Lockdown-Kinder-haben-aufgehoert-zu-sprechen-haben-psychische-Probleme.html. Für die Familien bedeuten die psychosozialen Belastungen enormen Stress. Patienten fallen in überwunden geglaubte Probleme zurück. Auch Menschen, die vorher noch nie psychologische Hilfe in Anspruch genommen haben, schlagen jetzt in den Kliniken auf[2]https://www.zdf.de/politik/laenderspiegel/lange-wartelisten-in-der-kinderpsychiatrie-100.html.

Der Psychologin aus Bonn ist aufgefallen, dass sich seit letztem Jahr vermehrt Ärzte und Pflegepersonal für Therapien anmelden. Außerdem bestätigte sie, dass Corona-Maßnahmen mühsam erkämpfte Therapieerfolge zunichte machen, die Patienten werden im Therapieplan zurückgeworfen.

Notstand in der Psychiatrie

Im Nachbarland Österreich hat sich die Lage so zugespitzt, dass nicht mehr alle akuten Fälle versorgt werden können:

Es kommen mehr, und die Zustandsbilder sind deutlich akuter und schwerer ausgeprägt, sodass Patienten, die weniger akut sind, aber trotzdem einer stationären Aufnahme bedürfen würden, natürlich auch nachgereiht werden müssen im Sinne einer gewissen Triagierung.

Paul Plener, Leiter der Kinder- und Jugendpsychiatrie am AKH Wien[3]https://wien.orf.at/stories/3087068

Die Stimmung ist insgesamt sehr, sehr schlecht.

Eine Mutter gegenüber Bundeskanzlerin Merkel im Bürgerdialog[4]https://www.corodok.de/viel-faellt-der-kanzlerin-dazu-auch-nicht-ein/

In einer Umfrage unter Psychotherapeuten zeigt sich, dass die Corona-Krise psychische Leiden verschlimmert. 78,1% der befragten Therapeuten geben an, dass die Symptome von Jugendlichen durch die Corona-Krise verstärkt wurden. Ein Pädagoge und Visualisierungstherapeut berichtet, dass bei 70% seiner jugendlichen Patienten die aktuellen Probleme im April vergangenen Jahres begannen[5]https://reitschuster.de/post/die-isolation-ist-das-schlimmste/. Er sieht die Ursache daher eindeutig bei den Maßnahmen.

Infografik - Umfrage: Wie sich Corona auf die Psyche Jugendlicher auswirkt - DE
Deutsche Welle, https://www.dw.com/de/corona-wie-der-lockdown-kinder-krank-macht/a-56458359

Berlin beobachtet sehr genau

Was sagt die Bundesregierung zu den besorgniserregenden Entwicklungen? Sie weiß davon nichts. Der Sprecher des Bundesgesundheitsministeriums erklärte am 29. Januar in der Bundespressekonferenz auf eine Frage von Reitschuster:

Wir beobachten die psychischen Folgen der Pandemie sehr genau. […] Aktuellen Auswertungen des RKIs […] zufolge gibt es bislang keine Hinweise darauf, dass sich die Zahl der psychischen Erkrankungen in der Allgemeinbevölkerung durch die Corona-krise erhöht hat.

Hanno Kautz, Bundespressekonferenz[6]https://youtu.be/cXYJhAb-p7s?t=504
Hanno Kautz antwortet Boris Reitschuster in der Bundespressekonferenz

Bedarf an Psychotherapeuten steigt massiv

Um den steigenden Bedarf an psychotherapeutischer Betreuung zu decken, fordert Axel Gerschlauer, Bonner Kinderarzt: “In den nächsten zwei Jahren werden wir einen Plan brauchen und massiv Personal ausbauen müssen. Vor allem bei den Psychotherapeuten brauchen wir 50 Prozent mehr”[7]https://www.dw.com/de/corona-wie-der-lockdown-kinder-krank-macht/a-56458359.

Diese Forderung klingt naheliegend, doch leider unterliegt der Kinderarzt einem Trugschluss. So wie die Bundesregierung das Gesundheitssystem insgesamt mutmaßlich durch Sparmaßnahmen ruiniert (siehe: Der Staat nimmt die Bevölkerung in Geiselhaft), kann man ihr auch bei der psychotherapeutischen Versorgung schwere Vorwürfe machen: Es besteht kein Mangel an Psychotherapeuten, sondern an Therapieplätzen, denn letztere werden vom Gesetzgeber begrenzt.

Übervolle Wartelisten

Patienten müssen lange auf ihre Therapie warten, weil die Zahl der möglichen Therapieplätze durch den Gesetzgeber gedeckelt ist. Möchte eine Therapeutin sich niederlassen, damit sie Therapien für Kassenpatienten anbieten kann, benötigt sie dafür einen sogenannten Kassensitz. Diese sind ortsgebunden und pro Gebiet begrenzt.[8]https://praxistipps.focus.de/kassensitz-fuer-psychotherapeuten-das-steckt-dahinter_111315

Praktisch alle Gebiete in Deutschland sind “überversorgt”, damit sind Neuniederlassungen nicht möglich. Die gesetzlich vorgesehene Anzahl an Niederlassungen ist ausgeschöpft. Um sich niederzulassen, kommt daher nur eine Praxisübernahme infrage. Dabei lässt sich der scheidende Therapeut seinen Ruhestand teilweise mit mehreren hundert tausend Euro vergolden.[9]https://www.aerztezeitung.de/Politik/Junge-Psychotherapeuten-fordern-Reform-der-Sitzvergabe-414277.html

Politik verhindert Ausbau des Therapieangebots

Warum gelten praktisch alle Regionen Deutschlands als “überversorgt”, wenn gleichzeitig die Wartelisten voll sind? Das liegt daran, dass bei der Berechnung der benötigten Kassensitze der Bedarf (also der Krankenstand bzw. die Nachfrage nach Therapien) so gut wie keine Rolle spielt. Stattdessen gilt ein starres Verhältnis von Sitzen pro Gebiet. Wie so oft im privatisierten Gesundheitssystem ist Kostenkontrolle wichtiger als die Sicherstellung der Gesundheitsversorgung.

Eine Anpassung der Berechnungsweise im Juni 2019 war wohl eher ein Tropfen auf den heißen Stein: Damals entstanden 800 neue Psychotherapeutensitze, obwohl laut einem Gutachten 2.400 zusätzliche Sitze benötigt wurden[10]https://www.bptk.de/reform-der-bedarfsplanungs-richtlinie-in-kraft-getreten/. Immerhin erkannte man damals einen Mehrbedarf an. Im Zusammenhang mit der aktuellen Lage ist davon nichts zu hören, obwohl der Bedarf an Therapieplätzen nochmal stark angestiegen ist.

Es besteht ein eklatanter Mangel an Psychotherapieplätzen für gesetzlich Versicherte. Weil aber die Zahl der Kassensitze begrenzt ist, würden 50% mehr Therapeuten zu keinem einzigen zusätzlichen Therapieplatz führen.

Spahns Patentlösung

Bei der Frage nach der psychologischen Versorgung während der Pandemie taucht auch des Gesundheitsministers liebstes Kind auf: Digitalisierung! Statt die Anzahl der Kassensitze zu erhöhen, hat man im Jahre 2020 den Therapeuten grundsätzlich erlaubt, Online-Video-Therapien abzurechnen. Auch Online-Angebote ohne Psychotherapeuten werden ausgeweitet. Schon 2018 wurde dieses Vorhaben allerdings in einem Kommentar auf Aertzeblatt.de so bewertet:

Diese Angebote klingen „modern“, „digital“ und „zukunftsweisend“. Wir sehen es hingegen als einen traurigen Versuch an, den Mangel schick aussehen zu lassen.

Kommentar auf Aerzteblatt.de[11]https://www.aerzteblatt.de/archiv/199001/Onlinepsychotherapie-Den-Mangel-schick-aussehen-lassen

Keine Chance für Kassenpatienten

Die Psychologin aus Bonn möchte in diesem Jahr ihre eigene Praxis eröffnen und dabei am liebsten auch gesetzlich Versicherten, die unter den Folgen der Corona-Maßnahmen leiden, Therapien anbieten. Das ist leider aufgrund des Engpasses bei den Kassensitzen aussichtslos. Deswegen überlegt sie schon jetzt, wie sie ab Herbst um Privatpatienten werben kann.

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