Drei Anrufe pro Tag – Chillen beim Gesundheitsamt

Lesedauer 2 Minuten

Stand: 9. Februar, 2021

Inzidenzwert entscheidend für Maßnahmen

Wer erinnert sich noch an die Verdopplungszeit und den R-Wert? Im Frühjahr 2020 wurde damit der Lockdown begründet. Als diese Werte zu niedrig wurden, schwenkte die Regierung auf Inzidenzwerte um. Die Zahl der täglichen Neuinfektionen ist Grundlage für die Maßnahmen-Politik.

Beim Inzidenzwert geht es um die Nachverfolgbarkeit. Der Wert 50 bezieht sich nicht auf medizinische oder epidemiologische Faktoren, sondern orientiert sich an der Leistungsfähigkeit der Gesundheitsämter. Er ist eine verwaltungstechnische Kennzahl. Je höher der Wert, desto schwieriger wird es, die Kontaktnachverfolgung, auch Tracing genannt, in angemessener Zeit zu bewerkstelligen.

Mehr Personal fürs Amt

Um mehr Kontakte nachverfolgen zu können, wird das Personal aufgestockt: Containment-Scouts werden eingestellt, das Militär hilft aus[1]https://www.hessenschau.de/gesellschaft/gesundheitsaemter-stocken-wegen-corona-krise-personal-zum-teil-massiv-auf,corona-gesundheitsaemter-100.html.

Die Aufgabe eines Containment-Scouts ist vor allem das telefonische Benachrichtigen der Infizierten und von deren Kontaktpersonen. Sie informieren und ordnen Quarantäne an. Doch wie sehr überlastet das die Gesundheitsämter wirklich?

Im Oktober 2020 veröffentlichte Reitschuster einen Erfahrungsbericht[2]https://reitschuster.de/post/es-ist-ein-wahnwitz-was-da-geschieht/, in dem ein Containment-Scount über seinen Arbeitsalltag berichtete. Dort erfahren wir, dass die Kollegen einen Großteil des Tages am Smartphone verbringen und ihre Diensttelefone die meiste Zeit auf “Nicht erreichbar” geschaltet sind.

Daddeln statt telefonieren

Mir liegt nun ein weiterer Erfahrungsbericht eines Containment-Scouts vor. Dieser bestätigt die Erfahrungen des obigen Leserbriefs:

Durchschnittlich führen der mir bekannte Containment-Scout und seine Kollegen täglich je drei dienstliche Telefonate. Die meiste Zeit des Tages, sagt er, wird am Smartphone verbracht.

Ob die Zahl 50 wirklich die Leistungsgrenze darstellt, darf auch angezweifelt werden: Die Bürgermeister gleich mehrerer Großstädte haben kürzlich bekräftigt, dass ihre Gesundheitsämter auch bei Inzidenzen jenseits der 50 in der Lage sind, Kontakte nachzuverfolgen[3]https://www.rnd.de/politik/burgermeister-widersprechen-merkel-kontaktnachverfolgung-auch-bei-inzidenz-uber-50-moglich-DPWTYNT4KBAZPP3K7PXXG6QNII.html.

Die Mühlen der Bürokratie

Nach außen heißt es also: Wir erreichen die Kapazitätsgrenze und benötigen mehr Personal. Berichte von Insidern und die Aussagen einiger Bürgermeister legen jedoch Nahe, dass die Kapazitäten der Gesundheitsämter noch lange nicht ausgeschöpft sind.

Mich erinnert das stark an Erfahrungen aus kleinen und großen Privatwirtschaftsunternehmen: Im Einzelgespräch widersprechen Angestellte der offiziellen Außendarstellung ihres Unternehmens. Auch halten sie Arbeitsweisen für ineffektiv oder sogar sinnfrei. Als Unternehmensberater erkennt man, dass viele Dinge nur deswegen durchgesetzt werden, weil der eine Karriere machen und der nächste seinen Job nicht verlieren will.

Bei einem Privatwirtschaftsunternehmen kann ich als Angestellter kündigen. Was aber tue ich, wenn ein ganzes Land aus dem Lockdown nicht mehr herauszukommen scheint? (Siehe auch: Ein Appell für Selbstachtung in Corona-Zeiten)

Lockdown wirklich gerechtfertigt?

Es drängt sich die Frage auf: Verhindern Bürokratie, Inkompetenz und Karrierebestrebungen die Beendigung des landesweiten Lockdowns?

Sicher geht es nicht auf allen Gesundheitsämtern so zu. Ich veröffentlichte hier gerne auch dem entgegenstehende Erfahrungsberichte. Sendet sie mir gerne zu, vertraulicher Umgang garantiert.

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